Nr. 2 (2021)

Friedensethik und Geopolitik

Wegen der log4j-Bedrohung wurden Teile des Redaktionssystems abgeschaltet, mit dem die Themenhefte von Ethik und Gesellschaft hergestellt werden. Aus diesem Grund konnte die aktuelle Ausgabe 2/2021 bislang nicht eingerichtet werden. Damit die Artikel und Rezensionen dennoch vor Jahreswechsel ihre Leser:innen erreichen, versuchen wir es mit einer Notlösung. Sobald das Redaktionssystem wieder zur Verfügung steht, werden wir dieses Themenheft ordentlich einrichten.

 

Seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat sich in vielen christlichen Kirchen das Konzept des Gerechten Friedens als friedensethisches Leitbild etabliert. In der Bundesrepublik Deutschland ist es in der Nachfolge der Ostermarschbewegung, die sich gegen die nukleare Rüstung im 'kalten Krieg' gewandt hatte, spätestens mit der 'Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtig­keit und die Bewahrung der Schöpfung' in Dresden 1989 zu einem zentralen friedensethischen Topos geworden, der sich auch in offiziellen kirchlichen Verlautbarungen - so dem Wort 'Gerechter Friede' der deutschen Bischöfe von 2000 oder der EKD-Denkschrift 'Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen' von 2007 nieder­geschlagen und erhebliche Wirkung erzielt hat. Zentral ist für dieses Konzept der Vorrang gewaltfreier Konflikt-bearbeitung, ein bedingter Pazifismus, der - etwa in der EKD-Denkschrift - die Form einer Bemühung um Frieden durch Recht annimmt, politisch stark auf das Menschen­rechtsregime der Vereinten Nationen setzt und mit dem Konzept der 'rechtswahrenden Gewalt' auch den innerstaatlichen Gewaltumgang zu erfassen sucht, militärische Gewaltanwendung auf Ausnahmesituationen beschränkt und letztlich jeden Gewaltumgang als problematisch kennzeichnet.

Geopolitisch freilich hat sich die Welt gewandelt: Der 'kalte Krieg' wurde nicht durch ein UN-gestütztes Völker­rechtsregime, sondern ein multipolares Szenario abgelöst, in dem politisch sehr unterschiedliche verfasste Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen agieren und wirtschaftliche Machtzentren neben atomar-militärischen um regionale Hegemonie und globale Anteile konkurrieren. Neben die Herausforderungen des atomaren Zerstörungspotentials sind Bedrohungen durch den Einsatz autoregulativer Waffensysteme oder durch Cyberangriffe getreten, in denen jeweils zivile und militärische Zuständigkeiten verschwimmen. Zudem verschärfen die Folgen des Klimawandels Interessen­konflikte um fruchtbares Land, katastrophensichere Gebiete und Ressourcen wie Wasser oder Bodenschätze.

Der auch innerkirchlich kontroversen Frage, wie Christinnen und Christen des globalen Nordwestens mit dieser Situation umgehen sollen, hat die Evangelische Kirche in Deutschland nicht nur eine spezielle Synode, sondern auch einen mehrjährigen Konsultationsprozess gewidmet. Grund genug, dieser Frage auch im Rahmen einer Ausgabe der Ethik und Gesellschaft in interdisziplinärer Perspektive nachzugehen.

Peter Rudolf
Ein neuer 'kalter Krieg'? Friedensethisch relevante geopolitische Trends
Artikel

Wolfgang Huber:
Streit um den gerechten Frieden – Aktuelle Herausforderungen der Friedensethik
Artikel

Bernhard Koch
Die kirchliche Friedensdebatte – Beobachtungen aus philosophischer Sicht
Artikel

Julian Zeyher-Quattlender
Wieviel Gewaltfreiheit verträgt der Gerechte Frieden? Zur gegenwärtigen Debatte um Aufbrüche jenseits der Rechtsethik innerhalb der evangelischen Friedensethik in Deutschland
Artikel

Max Weber: To Hack Back or Not? Eine friedensethische Analyse von Cyberoperationen vor dem Hintergrund des Leitbilds des Gerechten Friedens
Artikel

Nicole Kunkel: Autoregulative Waffensysteme. Automatisierung als friedensethische Herausforderung – ein Werkstattbericht
Artikel

 

Der Rezensionsteil liefert Besprechungen aktueller Literatur zu den prominenten Autor:innen Martha Nussbaum, Richard Rorty, Baruch de Spinoza und Walter Dirks. Er präsentiert neue, von Heike Delitz und Hans-Peter Müller verfasste Einführungs- und Überblickswerke zur soziologischen Theoriebildung. Er beschäftigt sich mit aktuellen Monografien zum 'Code des Kapitals', zum ‚Jahrhundert der Politik', zur 'politischen Theorie des Neoliberalismus', zu 'Naturzustand und Barbarei' in der Grundlegung des modernen politischen Denkens und zur 'dunklen Seiten der Wirtschaft' von Aristoteles bis heute.  Es geht aber auch um feministische Theologinnen und die Geschlechterdiskurse im deutschen Protestantismus der Nachkriegszeit, um die theologische Rezeption der Human-Animal Studies und queerfeministische Perspektiven 'reproduktiver Gerechtigkeit'. Der inhaltliche Schwerpunkt des Besprechungsteils liegt aber auf der Vorstellung jüngerer Literatur zu den grassierenden Rechtsbewegungen. Hier wird Literatur besprochen, die sich mit den historischen Wurzeln des Populismus in den USA beschäftigt, vor allem aber geht es um die Frage, wie sich die christlichen Theologien zu religiös aufgeladenen Neo-Nationalismen und einer ‚rechten Normalisierung‘ verhalten bzw. verhalten könnten.

Jan Kerkmann
Der Zusammenhang der Affektionen und die Freiheit. Kerstin Andermann untersucht die ontologische und pragmatische Dimension der körperlichen Affektfähigkeit in Spinozas Ethik
Rezension

Josef Hien
Gab es eine Ordoliberalisierung Europas? Thomas Biebrichers Rekonstruktion des Neoliberalismus wirft wichtige Fragen auf
Rezension

Florian Bock
Zeitlebens dazwischen. Ein Sammelband nähert sich Walter Dirks, der Ikone des westdeutschen Linkskatholizismus
Rezension

Norbert Mette
Gegen ›rechte Normalisierung‹ – eine politisch-theologische Erkundung
Rezension

André Armbruster
Soziologie »mit und ohne Gesellschaft«. Zu Heike Delitz‘ Einführung in die soziologischen Theorien
Rezension

Eva Marlene Hausteiner
Entbarbarisierungsmission – zu Oliver Eberls Vorschlag politiktheoretischer Dekolonisierung
Rezension

Walter Reese-Schäfer
Richard Rorty und seine wachsende Aktualität. Ein politischer Philosoph diesseits postlinker Modetheorien
Rezension

Sigrid Reihs
Religion – alles andere als immun gegen Rechts. Florian Höhne und Torsten Meireis geben einen Band zum Neo-Nationalismus in Europa heraus
Rezension

Clemens Wustmans
Ohne die Tiere ist die Schöpfung unvollständig. Simone Horstmann profiliert systematisch-theologische Positionen zu Human-Animal Studies
Rezension

Sabine Plonz
Aufbrüche gegen Widerstände. Sarah Jäger porträtiert Theologinnen und sondiert den protestantisch-patriarchalischen Geschlechterdiskurs
Rezension

Magdalene Hengst
Reproduktive Gerechtigkeit als Konzept:
Widerständische Praxis und Überlebensstrategie
Rezension

Hans G. Nutzinger
Wie kommt mehr Licht auf die Schattenseite der Wirtschaft? Reiner Manstetten beschäftigt sich mit den Mala oeconomica und ihren Auswirkungen
Rezension

Skadi Krause
Zum Selbstverständnis der Soziologie als Wissenschaft. Hans-Peter Müller über die Klassiker und die Krise soziologischer Zeitdiagnose
Rezension

Jared Sonnicksen
Den Populismus an der Wurzel packen?
Tobias Müller geht auf ideengeschichtliche Spurensuche und liefert Indizien für eine Revision des Populismusdiskurses
Rezension

Katja Winkler
Materielle Hilfeleistung als Kern des Kosmopolitismus. Zu Martha Nussbaums Kritik an der Marginalisierung der globalen Güterverteilung im kosmopolitischen Diskurs
Rezension

Esther Neuhann
»Man kann nicht alles haben!« – Sicherheit und Risiko in Katharina Pistors Analyse des rechtlichen Code des Kapitals
Rezension

Jens Hacke
Die Trauer um den Wohlfahrtsstaat. Friedbert W. Rüb lässt die Politik verschwinden
Rezension

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