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Erwerbsarbeit überbewertet

Matthias Möhring-Hesse

Abstract


Ob unter dem Diktum, Vollbeschäftigung sei - auf welchem Wege auch immer - mög-
lich, oder unter der gegenteiligen Ansage, gesellschafts- und insbesondere sozialpo-
litisch müsse man sich auf die Bedingung systemischer Beschäftigungslücken ein-
stellen, in der politischen Öffentlichkeit bespricht man die fehlende Erwerbsarbeit –
und bemerkt dabei in Art einer kollektiver Hypnose nicht, dass sich die bestehende
Erwerbsarbeit dramatisch verändert und mit ihr die von ihr geprägten sozialen Be-
ziehungen und Zusammenhänge. Auch die theologische Sozialethik kann sich der
öffentlichen Dethematisierung der Erwerbsarbeit zumeist nicht erwehren und hat –
mehr noch – Anteil daran. Was die Sozialethik dabei »verpasst«, wird vor allem dann
auffällig, wenn sie sich soziologisch aufklären lässt, was mit »Erwerbsarbeit« bezeich-
net wird, dass Erwerbsarbeit eben nicht eine besondere Arbeit neben anderen Arbei-
ten, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis mit systemischen Auswirkungen auf alle
anderen Verhältnisse und i.d.S,. auf die Gesellschaft im Ganzen ist. Dann wird sie die
verfestigte Massenarbeitslosigkeit nicht mehr nur als Lücke zwischen Angebot und
Nachfrage auf den Arbeitsmärkten, sondern als eine brisante Verwerfung einer auf
Erwerbsarbeit gründenden Gesellschaft einholen können. Zudem wird sie den säku-
laren Wandel der Erwerbsarbeit reflektieren - und dabei entdecken, dass Erwerbs-
arbeit gesellschaftlich zunehmend mehr und dabei zuviel bedeutet, dass diese Über-
bewertung der Erwerbsarbeit nicht nur zu langfristig unerträglichen Arbeitsbeding-
ungen führt, sondern zunehmend gutes Leben außerhalb der Erwerbsarbeit und die
Zivilität der von dieser überwerteten Erwerbsarbeit geprägten Gesellschaften beein-
trächtigt.

Public debates - no matter wether they are centered on full employment or on the lack
of it – tend tofocus on missing labour rather than investigating the ongoing change at
the workplace. This holds also true for social ethics. However, this approach goes amiss,
since it treats employed labour as just another way to work when it is a pivotal social
relationship affecting society as a whole. If this is taken into consideration, long-term
mass unemployment can not solely be seen as a gap between supply and demand on
the labour-markets, but has to be understood as a serious crisis of a society based on
paid labour. A closer look at labour will reveal, moreover, that labour tends to be over-
estimated – with serious consequences: This overestimation may lead – in the long run –
to unbearable working conditions, while spoiling civil society and the good life beyond
the workplace.


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DOI: https://doi.org/10.18156/eug-2-2008-art-6

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