ethikundgesellschaft
ökumenische zeitschrift
für sozialethik
1/2013

ARCHIV/ HEFTE

TL 1 2007

1/2007

Prekariat

Das Prekariat wurde entdeckt - und zum Objekt sozialstaatlicher Inklusions-
politiken gemacht. Die Sozialethik, die sich zunehmend unter den Grundsatz der
Beteiligungsgerechtigkeit stellt, findet daran ihr Wohlgefallen: Die Menschen, die
nicht wie alle anderen zur Gesellschaft dazugehören, denen deshalb vergleich-
bare Beteiligungschancen verwehrt werden, werden ins Zentrum sozialpolitischer
Aufmerksamkeit gerückt. Der bundesdeutsche Sozialstaat wird vorrangig diesen
Menschen und ihrer Inklusion gewidmet, deshalb mit seinen Sicherungs- und
Fürsorgesystemen in Richtung von Aktivierung und Befähigung umgebaut. Doch
bei näherem Hinsehen entpuppen sich die neue Aufmerksamkeit für das Prekariat
und damit auch das neue sozialstaatliche Inklusions und Aktivierungsprogramm als
äußerst zweischneidig: Erst mit seiner »Entdeckung« wird das Prekariat gemacht
- und es wird zugleich politisch benutzt. Dadurch, dass der Sozialstaat mit seiner
Inklusion beschäftigt wird, landen die »Hilfebedürftigen« genau dort, wo sie der
Analyse ihrer Hilfebedürftigkeit zufolge sind, »außerhalb« der Gesellschaft und
ohne vergleichbare Beteiligungschancen. Geboten ist daher eine kritische Sicht
auf die neue Sozialpolitik, ihrem herausragenden Interessen am Prekariat und
das Programm »Fordern und Fördern«.